Home


Angebote


Astrologie


Aum & Aqua
Society


Kunst


Alchemie


Biographie


Partner/Freunde


Danke


Kontakt &
Impressum

AKTUELLES

 

Der olympische Schöpfungsmythos

Dieser Text beleuchtet den olympischen Schöpfungsmythos, der eine wesentliche Grundlage der europäischen Astrologie und auch meiner “meta-astrologischen Planetenbilder” darstellt.

ZUR BEDEUTUNG DES MYTHOS: Warum ist der Mythos so bedeutsam? Ist der Mythos wirklich mehr als nur eine phantastische Erzählung und zugleich ein völlig misslungener Versuch, die Welt zu erklären, der durch unsere modernen wissenschaftlichen Theorien längst überholt ist? Natürlich nicht! Er hat seit ca. 3.600 Jahren zahllose Philosophen, Musiker, Bildhauer, Dichter, Maler und auch Psychologen inspiriert und er gehört zu den wichtigsten intuitiven Bildern, die der Mensch je entworfen hat. Und dieser Mythos ist auch das Bildreservoir, aus dem die europäische Astrologie bis heute schöpft und als solches von zentraler Bedeutung, auch für jeden modernen Astrologen.

Die Intuitionen, die in diesem Mythos zu poetischen Bildern wurden, sind so tief und so essentiell, dass man ihre Bedeutung auf ganz unterschiedlichen Ebenen aufschlüsseln kann. Ich denke, das gilt ganz besonders für die ersten Stufen, nämlich für den olympischen und andere Schöpfungsmythen der griechischen Antike. Hier werden die essentiellen ersten Phasen einer jeden Entwicklung skizziert. Die späteren Erzählungen des Mythos beschäftigen sich dann schon mit individuellen Gottheiten und Gestalten.

 

Ich stelle zunächst nur die ersten Phasen dieses Mythos vor. Die sind in sich tief und reich genug, um Jahre lang darüber nach zu denken. Dann setzte ich sie zur Entwicklung des menschlichen Bewusstseins und zu einigen erstaunlichen Parallelen aus der modernen Hirnforschung dazu in Beziehung. Der griechische Mythos ist, wie jedes andere Weltbild, zunächst einmal eine schöpferische, geistige Leistung des Menschen. Er ist wie ein riesengroßes Gemälde, das uns zeigt, wie die Menschen damals die Welt gesehen haben und zugleich noch mehr. Denn der Mensch der griechischen Antike erzählt uns in seinem Mythos von der Erschaffung der Welt und dabei indirekt zugleich auch von der Entwicklung des menschlichen Bewusstseins, das diese Welt erfährt. Wir haben es im Schöpfungsmythos also indirekt auch mit dem geistigen und seelischen Selbstbildnis des antiken Menschen zu tun, mit einem Selbstportrait des Menschen aus den Anfängen der europäischen Kultur.

In der Entwicklungspsychologie wird angenommen, daß jeder Mensch Alle früheren Entwicklungsstufen der Menschheit noch einmal wiederholt. So gibt es eine “magische Phase”, in der das Kind in einer Welt voller magischer Bilder und Gestalten lebt. Das Kind, das noch nicht absolut zwischen Innen und Außen unterscheidet, belebt seine Welt mit Gestalten, die aus seiner Seele auftauchen. Die Belebung der realen Umgebung durch phantastische Gestalten, die der eigenen Seele entspringen und die noch fließende Grenze zwischen Innen und Außen, findet sich auch in allen frühen Kulturen der Menschheit.

In diesen Kulturen ist alles seelisch und geistig belebt, es gibt Baumgeister, Luftgeister, Flußgötter, Engel, Hexen, Zwerge, Kobolde, Zauberer, Nixen, Feen, Giganten, Sonnen-, Mond- und Sternengötter, Genien, Dämonen, Titanen, Heroen usw. In allem was existiert, lebt etwas Geistiges und Seelisches. Dem Menschen der Antike und dem Kind ist eines gemeinsam, beide staunen. Die Welt ist voller Geheimnisse und Wunder. In dieser Offenheit erfaßt der Mensch sich selbst und seine Welt noch ganz intuitiv und poetisch. Und weil jeder Mensch in seiner Entwicklung diese frühere Stufe der Menschheit noch einmal durchläuft, ist der antike Mythos so aufschlußreich. Dieses frühe Selbstportrait und Weltbild des europäischen Menschen ist, wie wir sehen werden, von ganz grundsätzlicher Bedeutung.

DER SCHÖPFUNGSMYTHOS: Der Schöpfungsmythos entwickelt sich in mehreren Stufen. Eigentlich ist er sehr einfach. Aber er ist auch sehr tiefgründig und komplex. Ich werde ihn Stufe für Stufe wiedergeben, bezogen auf die Entwicklungsphasen des Bewußtseins deuten und dann noch einige Ergebnisse der modernen Hirnforschung hinzufügen.

Erste Stufe, das Chaos: Vor der Schöpfung gibt es nur das Chaos. Chaos bedeutet im Altgriechischen zunächst einmal “gähnend leerer, grenzenloser Weltraum”, “Wirrwarr” und “Unordnung” sind spätere, weniger wichtige Bedeutungen. Am Anfang gibt es also nur den grenzenlosen Weltraum.

Zweite Stufe, Gäa und Uranos: Daraus erheben sich Gäa, die Erde und Uranos, der Himmel. Die beiden umarmen sich jede Nacht und durch den Regen macht der Himmel die Erde fruchtbar, so daß Quellen, Flüsse, Meere und Alle Lebewesen entstehen. So entstehen auch die Titanen. Titan bedeutet “Fürst”. Die Titanen herrschen über bestimmte Teilbereiche der Welt, etwa über einzelne Kontinente, Sonne und Mond, die Zeit, die Meere und so weiter.

Dritte Stufe, der Tod des Uranos: Irgendwann kommt es zu einem Streit zwischen Himmel und Erde und die Erde stiftet einen gemeinsamen Sohn, den Titanen Kronos dazu an, seinen Vater zu ermorden. Kronos bedeutet „Zeit“ und auch „der alles beinhaltet und alles zerstört“. Kronos kastriert seinen Vater Uranos mit einer Sichel aus Feuerstein. Dies führt zum Tod des Uranos. Nach dem Tod des Uranos wird Kronos zum Herrscher über die Welt. Er heiratet seine Schwester, die Erdtitanin Rhea, aber mit düsteren Vorahnungen. Gäa und der sterbende Uranos hatten ihm vorhergesagt, dass auch er durch eines seiner Kinder entmachtet werden würde. Also frisst Kronos vorsichtshalber alle Kinder, die Rhea ihm gebiert. Dies bedeutet, zumindest scheinbar und zunächst, das Ende der bisherigen Entwicklung. Kronos sorgt dafür, dass Alles bleibt wie es ist, in dem er seine eigenen Schöpfungen, also seine Kinder frisst.

Vierte Stufe, die Ausstrahlungen des Uranos: Aber beim Tod des Uranos entstehen auch dessen Ausstrahlungen oder Emanationen, nämlich sieben Göttinnen. Wo das Blut des Uranos auf die Erde fällt entstehen die drei Furien oder Erinyen. Die Furien oder Erinyen sind Rachegöttinnen. Sie bestrafen Vatermörder und Eidbrüchige. Sie treiben die Täter in den Wahnsinn. Erinis bedeutet „den Geist stören„. Auch die drei Eschennymphen oder Meliai entstehen dort, wo das Blut des Uranos zur Erde fällt. Die Eschennymphen oder Meliai sind Fruchtbarkeitsgöttinnen. Miliades bedeutet „frei laufende kleine Tiere, Ziegen, Schafe„, Milon bedeutet „Baumobst, Zitronen, Äpfel, Pfirsiche„, Mila bedeutet „die Brüste junger Mädchen„. Der Penis des Uranos wird ins Meer geworfen und aus dem Schaum, der dabei entsteht, wird Aphrodite geboren. Aphrodite bedeutet „aus Meerschaum geboren„. Sie ist die Göttin der Liebe und der Schönheit.

 

Der Schöpfungsmythos lässt sich auf die Entwicklung des Bewusstseins übertragen:

Erste Stufe, das Chaos: Zu Beginn ist das Bewusstsein wie das Chaos, wie der „gähnend leere grenzenlose Weltraum„. Es trägt Alle Möglichkeiten in sich und ist frei von Prägungen. Es ist grenzenlos offen und erfährt die Wirklichkeit ohne Vorurteil, ohne vorgefaßte Meinung. Es gibt keine Trennungen, weder feste Formen, noch Grenzen, noch eine dauerhafte Ordnung.

Die moderne Hirnforschung stellt fest: „Beim Neugeborenen sind die Nervenzellen wie ein gleichmäßiges, dichtes Netz verbunden, das Impulse in Alle Richtungen weiterleitet. Bis zum 2. Lebensjahr nimmt die Zahl dieser Verbindungen zu„ *1) Die Impulse werden anfangs noch in Alle Richtungen weitergeleitet. Das ist der entscheidende Punkt. In dieser Phase haben sich noch keine festen geistigen Gewohnheiten gebildet.

Ein Sinneseindruck löst noch nicht zwangsläufig eine bestimmte Reihenfolge von fest gelegten Reaktionen aus. Es gibt noch keine „Trampelpfade im Gehirn„. Die werden sich erst noch durch Wiederholungen und Gewohnheiten bilden. Und es existiert noch keine harte und grundsätzliche Trennung zwischen Innen und Außen.

Zweite Stufe, Gäa und Uranos: Dann bilden sich zwei Pole, im Mythos das kosmische Liebespaar Himmel und Erde. Dabei repräsentiert die Erde natürlich die irdische Wirklichkeit inklusive des eigenen irdischen Körpers. Der Himmel repräsentiert das, was offener und weiter ist als die irdische Realität, nämlich das menschliche Bewusstsein. Mit anderen Worten, die Erde ist all das, was das Kind durch seinen physischen Leib und in der konkreten Realität erfährt. Der Himmel ist das Bewusstsein des Kindes, seine grundsätzliche Fähigkeit zur Erfahrung. Diese Fähigkeit zur Erfahrung ist nach dem Mythos eine schöpferische Potenz. Es ist sehr bedeutsam, welche Bilder der Mythos für das Bewusstsein verwendet. Beide sind, als Chaos = Weltraum und als Uranos = Himmel, Symbole der Weite. Die Natur des Geistes ist wie der Raum. Zunächst ist der Geist wie der Weltraum. Später erscheint der Geist als Ausrichtung des weltraumartigen Bewusstseins auf die Erde. Denn der Himmel ist ja der Teil des Weltraums, der die irdische Realität umgibt. Dem entspricht die Ausrichtung des kindlichen Bewusstseins auf den eigenen, irdischen Körper.

Das Bewusstsein des Kindes und sein physischer Leib verbinden sich immer tiefer miteinander. Laut Mythos ist der dem Irdischen zugewandte Aspekt des Bewusstseins schöpferisch. Die Liebe zwischen Himmel und Erde bringt die Schöpfung hervor. Man kann sagen, dass mit der Bewusstseinsentwicklung eines jeden Kindes die Schöpfung noch einmal neu entsteht. Das Kind erforscht die irdische Wirklichkeit und erschafft sie zugleich in seinem eigenen Geist neu. Auch dazu kennt die moderne Gehirnforschung eine Parallele: „Mit dem Prozess des Lernens, der Häufung der Impulse in bestimmten Bahnen, bilden und verstärken sich Synapsen. Die weniger genutzten Verbindungen verkümmern. Je vielfältiger die Anregungen, desto komplexere Strukturen bilden sich.“ *2)

Synapsen sind die Verbindungen zwischen den Nervenzellen im Gehirn. Die Häufung von Impulsen in immer wieder denselben Bahnen, die Wiederholung bestimmter Abläufe und Erfahrungen schafft verstärkte Verbindungen und damit stabile Strukturen im Gehirn. Diese Gehirnstrukturen bilden beim Erwachsenen die Basis seiner Wirklichkeitserfahrung. Da weniger genutzte Verbindungen verkümmern und später nicht mehr so einfach aktiviert werden können wie im Kindesalter, ist es sinnvoll, Kindern reiche und vielfältige Anregungen zu bieten. Der Mythos verwendet für die Entdeckung, bzw. die geistige Erschaffung der Welt durch das Bewusstsein ein erotisches Bild, die Umarmungen von Uranos und Gäa. Nach einer Variante entstand die Schöpfung aus dem Eros. Ein dritter Mythos erzählt, dass alles aus dem Okeanos entstand, einem kosmischen Strom, der das Universum umfließt.

Aus der Sicht des Mythos liegen unsere Anfänge in einem erotischen, grenzenlosen, fließenden Zustand des Bewusstseins. Vergnügen und Intelligenz sind noch ein und dasselbe. Eros bedeutet im altgriechischen „Liebe, Verlangen, Begehren“, aus erame „lieben, verlangen, begehren“, aus eraume mit derselben Bedeutung, aus eratos „liebenswert, beliebt, begehrenswert“, aus erannos „der Vergnügen und Freude bereitet“. Der Eros des Kindes ähnelt einem ungehinderten Strömen in Alle Richtungen, einem offenen Fließen von Bewusstsein und Vergnügen. Die kindliche Neugier ist eine Mischung aus Intelligenz und Eros. Eros bedeutet „Begehren“. Das Kind ist gierig nach Neuem und nach Wissen. Es lernt schnell und mit Freude. Diese Phase ist voller Poesie, Freude und Abenteuer, aber irgendwann ist es mit der Potenz des schöpferischen Bewusstseins erst ein Mal vorbei.

Dritte Stufe, der Tod des Uranos: Uranos ist der Himmel, das schöpferische Bewusstsein mit seinen unendlichen Möglichkeiten. Er ist eine Intelligenz, in der spontan immer neue Ideen entstehen, so wie immer wieder neue Wolken, in immer neuen Farben und Formen am Himmel entstehen, die sich ständig wandeln. Die Welt, die wir erfahren, erweitert und verwandelt sich noch ständig, weil sich unser Geist noch andauernd erweitert und verwandelt. Aber irgendwann ermordet Kronos seinen Vater Uranos indem er ihn kastriert und dessen Penis ins Meer wirft. Wer ist dieser Kronos?

Kronos ist der Titan Kronos und wurde auch mit dem Alter assoziiert. Kronion osis, - „wie Kronos riechend“ bezeichnete Menschen mit überholten Ideen. Chronos bedeutet “Zeit” in allen Varianten, als "Zeitalter, Lebensspanne, Zeitraum, Zeitpunkt, Jahrhundert, Jahr" etc. Chronos ist verwandt mit ghr-on-os was “Thron” bedeutet. Eine weitere Bedeutung lautet “der alles beinhaltet und alles zerstört”. Ein “Thron” lässt uns an eine Machtposition denken, an etwas Beherrschendes. Und tatsächlich ist für alle konkreten Erscheinungen die Zeit der alles beherrschende Faktor, “der alles beinhaltet und alles zerstört”.

Wenn wir den Mythos als Schöpfungsgeschichte verstehen, bedeutet dies das Ende der schöpferischen Aktivität des Uranos. Die Schöpfung ist fertig und wird nun an nur noch durch die Zeit beherrscht. Die Zeit ist der beherrschende Faktor, “der alles beinhaltet und alles zerstört”. Damit ist dann auch der Tod in die Welt gekommen. Kurz, dies ist die Vertreibung aus dem Paradies. Es ist dieselbe Geschichte nur in anderen Bildern erzählt. Wir können den Tod des Uranos aber auch auf die Entwicklung des Bewusstseins beziehen. Dann bedeutet die Ermordung des Uranos durch Kronos den Moment, wo wir uns der Zeit, der Vergänglichkeit und damit auch unserer Sterblichkeit bewusst werden. Die Begegnungen des schöpferischen Bewusstseins mit der irdischen Realität führen zur Erkenntnis der Vergänglichkeit.

Es kommt zu einem Trauma. Vielleicht erlebt das Kind, wie seine Katze stirbt, es erlebt eine Trennung, Verletzung oder Krankheit, oder den Tod eines verwandten Menschen. Da die Identifikation des kindlichen Bewusstseins mit seinem irdischen Körper im Laufe der Entwicklung ständig zunimmt, kommt es irgendwann zu der Ansicht: „Ich bin sterblich!“ Der Schock des Eintritts in das Zeitliche und Irdische kann aber auch durch die Konfrontation mit der Härte kollektiver Vorstellungen entstehen. Das ist Kronos in der Gestalt von „wie Kronos riechenden“ Traditionen und Autoritäten. Der Kinder fressende Kronos erscheint auch in der Form lebensfeindlicher kollektiver Vorstellungen und deren Vertretern, die natürlich „nur unser Bestes wollen“. Die Vertreter des Kronos agieren z. B. nach dem Motto: „Wenn du nicht leidest, kommst du in die Hölle!“ oder „Wer mit den meisten Spielsachen stirbt, hat gewonnen!“ Wir sollten ihnen unser Bestes, nämlich unser schöpferisches Bewusstsein, aber nicht geben, sondern besser für uns SELBST behalten. 

Der Schock des Eintritts ins Zeitliche geht mit einer Trennung vom schöpferischen Aspekt des Bewusstseins einher. Das Bewusstsein gerät unter die Herrschaft der Zeit. Das Zeitliche tritt in den Vordergrund und die Potenz des vorzeitlichen, schöpferischen Bewusstseins tritt in den Hintergrund. Im Mythos wird der abgeschlagene Penis des Uranos ins Meer geworfen. Die Potenz des schöpferischen Bewußtseins verschwindet im Unterbewußtsein. Das Meer ist ja ein Symbol für das Unterbewußtsein. Als Erwachsene versuchen wir dann vielleicht durch Therapie, Sex, Drogen, Kunst oder Meditation in unser Unterbewußtsein ein zu tauchen, um die ursprüngliche schöpferische Potenz unseres himmelsgleichen Bewußtseins wieder frei zu legen. Hier nochmals die einzelnen Entwicklungsschritte aus Sicht der Hirnforschung:

Erstens: „Beim Neugeborenen sind die Nervenzellen wie ein gleichmäßiges, dichtes Netz verbunden, das Impulse in Alle Richtungen weiterleitet. Bis zum 2. Lebensjahr nimmt die Zahl dieser Verbindungen zu„. Dem entspricht im Mythos die Phase des Chaos.

Zweitens: „Mit dem Prozess des Lernens, der Häufung der Impulse in bestimmten Bahnen, bilden und verstärken sich Synapsen. Die weniger genutzten Verbindungen verkümmern. Je vielfältiger die Anregungen, desto komplexere Strukturen bilden sich.“ Im Mythos ist das die Phase der Liebesbeziehung zwischen Uranos und Gäa.

Drittens: „Dem Erwachsenen steht zum Lernen weit gehend nur das bis dahin gebildete Netz zur Verfügung.“ *3) Dem entspricht im Mythos die Phase nach dem Tod des Uranos, nämlich die Herrschaft des Kronos.

Jetzt ist es mit den schöpferischen Möglichkeiten erst mal weit gehend vorbei. Was vorher nicht durch vielfältige Anregungen an Kreativität und Intelligenz entwickelt wurde, ist nicht mehr so leicht zu erwerben. Aber weder der Mythos noch die Hirnforschung sagt, dass nun Alle Möglichkeiten erschöpft sind. Und der Mythos sagt uns glücklicherweise auch, wie der schöpferische Uranos in unserem Sein und Bewusstsein weiterwirken kann:

Vierte Stufe, die Ausstrahlungen des Uranos: Beim Tod des Uranos entstehen sieben neue Gottheiten und diese sind natürlich lauter verschiedene Aspekte und Erscheinungen des Uranos. Wo das Blut des Uranos auf die Erde fällt entstehen die drei Furien oder Erinyen. Die Furien oder Erinyen sind Rachegöttinnen. Sie bestrafen Vatermörder und Eidbrüchige, sie treiben sie in den Wahnsinn. Erinis bedeutet „den Geist stören„. Bei „Rachegöttinnen„ denken wir nun vielleicht wirklich nicht gerade an etwas besonders Erfreuliches. Aber es handelt sich dennoch um ein ganz positives Symbol. Versuchen wir zu verstehen, welche Bedeutung die Furien oder Erinyen haben. dass die Erinyen Vatermörder bestrafen, ist nur logisch, genauer mythologisch. Sind sie doch entstanden, als Kronos seinen Vater Uranos ermordet hat. Aber warum bestrafen sie auch die Eidbrüchigen?

Uranos entstand aus Sanskrit varuna-h, dem indogermanischen Gott Varuna. Varuna ist der indogermanische Vorläufer des Uranos, der „Gott des Nachthimmels" und der "Gott der Eide". Ein Eid ist eine feierliche Wahrheitsversicherung unter Anrufung Gottes. Die Indogermanen haben bei ihren Eiden also vermutlich den „Gott des Nachthimmels„ angerufen, weil der ja auch der „Gott der Eide„ war. Vielleicht spielt da mit hinein, dass die Sterne bei Nacht zur Orientierung dienen und die Indogermanen, bevor sie sich in Indien und Griechenland niederließen, als nomadisierende Völker auf diese Art der Orientierung besonders angewiesen waren. Jedenfalls bestrafen die Erinyen Meineide. Diese beschwören ihre Wut herauf. Es geht ihnen um Wahrhaftigkeit und Integrität. Und sie bestrafen die „Vatermörder„. Kronos zerstört, durch die Ermordung seines Vaters, die Wirklichkeit, aus der er selbst entstand.

Er leugnet nicht nur seine Herkunft, sondern zerstört den eigenen Ursprung und wendet sich damit letztlich gegen die eigene Identität. Er wird sich selbst in der schrecklichsten Weise untreu. Auch dies beschwört die Wut der Erinyen herauf. Es geht den Erinyen also auch um die Treue uns selbst gegenüber. Solange wir wahrhaftig und uns selbst treu bleiben, lassen uns die Erinyen in Ruhe. Wenn nicht, beginnen sie unseren Geist zu stören. Sie stehen also eigentlich für unsere Integrität, für die Wahrheit und Ursprünglichkeit unserer Individualität. Wenn wir die nicht bewahren, ist unser Geist sowieso gestört. Da braucht es dann schon gar keine Rachegöttinnen mehr. Die Erinyen sind also ein Symbol für unsere Integrität und für die Störungen, die in unserem Geist auftauchen, wenn unsere Integrität verloren geht. Aber solange wir uns selbst gegenüber wahrhaftig und treu sind, sind wir auch mit den Kräften des schöpferischen Uranos und seinen Möglichkeiten in uns verbunden.

Dann gibt es noch ein zweites Trio von Göttinnen, durch die der Uranos weiter wirkt, nämlich die Eschennymphen oder Meliai. Auch die drei Eschennymphen oder Meliai entstehen dort, wo das Blut des himmlischen Uranos auf die Erde fällt. Die Eschennymphen oder Meliai sind Fruchtbarkeitsgöttinnen. Miliades bedeutet „frei laufende kleine Tiere, Ziegen, Schafe„, Milon bedeutet „Baumobst, Zitronen, Äpfel, Pfirsiche„ und Mila bedeutet „die Brüste junger Mädchen„. Die Symbolik ist sehr direkt. Es geht um das Leben, das Wachstum und die Fruchtbarkeit im Reich der Tiere, Pflanzen und Menschen und die Symbolik hat deutliche erotische Aspekte. Die Meliai sind Natur-, Wachstums- und Fruchtbarkeitsgottheiten. Es ist übrigens sehr bemerkenswert, wie schnell Eschen wachsen. Sie sind ein geeignetes Symbol für rasches Wachstum, und ich denke, dass man die Meliai deshalb auch Eschennymphen nennt. Die Wirkung des schöpferischen Uranos kommt nach diesem Bild in der lebendigen Natur zur Entfaltung. Das ist vollkommen klar, ohne das Schöpferische gibt es keine Schöpfung und keine Natur, und auch wir Menschen sind Natur.

Der Penis des Uranos wird ins Meer geworfen und aus dem Schaum, der dabei entsteht, wird Aphrodite geboren. Aphrodite bedeutet „aus Meerschaum geboren„, sie ist die Göttin der Liebe und der Schönheit. Sie ist die bekannteste, schönste und bedeutendste der sieben göttlichen Erscheinungsformen des Uranos. Nach dem Mythos trägt sie einen magischen Gürtel, mit dem sie nicht nur jeden Menschen, sondern auch All die unsterblichen Götter des Olymps in ihren Bann ziehen kann. Liebe und Schönheit sind danach die wichtigsten und machtvollsten Ausstrahlungen des schöpferischen Uranos. Die Erfahrung, dass die Liebe die bedeutendste und machtvollste Erscheinung des Himmlischen und Schöpferischen ist, spiegelt sich in vielen Mythen und Religionen. Im Lauf der Entwicklung wandeln sich die symbolischen Bilder für diese Erfahrung. Aphrodite tritt unverhüllt und in aller Schönheit als Göttin der erotischen Liebe in Erscheinung. Die ägyptische Isis überwindet durch Mitgefühl, Liebe, Friedfertigkeit und Treue den Tod. Sie erweckt ihren Gatten Osiris wieder zum Leben, der durch seinen dunklen Widersacher Seth ermordet und zerstückelt worden war. Später bittet sie den gemeinsamen Sohn Horus, der seinen Vater rächen will, sogar das Leben des Seth zu schonen. Der Sänger Orpheus überwindet die Schwelle zur Unterwelt. Er geht ins Reich der Toten, um seine Geliebte Euridike ins Leben zurück zu holen, und scheitert erst im letzen Moment. Christus, die Mensch gewordene Liebe Gottes, überwindet die Hölle und den Tod. Die mythologischen und religiösen Bilder wandeln sich. Aber die zentrale Bedeutung der Liebe bleibt erhalten.

Auch die Hirnforschung stellt fest, dass die Liebe eine ganz besonders machtvolle Emotion ist. Man gab in einem Experiment Menschen, die verliebt waren, ein Foto ihres Geliebten zur Ansicht und legte sie dann in einen Kernspintomografen. Dieses Gerät macht sichtbar, welche Teile des Gehirns aktiviert und welche deaktiviert sind. Aktiviert wurden Hirnbereiche, die beim Erkennen von Gefühlen, bei der Integration von sinnlichen Eindrücken und bei sexueller Erregung aktiv sind. Deaktiviert wurden dagegen die Zonen im Gehirn, die bei Emotionen wie Angst, Trauer, Depression und Aggression, und bei der kritischen Bewertung anderer Menschen aktiv sind. Das Experiment wurde mit Müttern wiederholt, die Bilder ihrer Kinder betrachteten. Auch hier wurden die Bereiche deaktiviert, die bei Angst, Trauer, Depression und Aggression, und der kritischen Bewertung anderer Menschen aktiv sind. *4) Angst, Trauer und Depression und die kritische Bewertung von anderen Menschen und einem selbst werden in der Astrologie übrigens Alle dem Kronos, bzw. dem Saturn zugeordnet. Der Planet Saturn wurde schon in der Antike mit dem Titanen Kronos assoziiert. Die Liebe, die Göttin Aphrodite, überwindet also die Wirkungen des Kronos, im Mythos wie auch nach der Sicht der modernen Hirnforschung.

 

ZUSAMMENFASSUNG

Erste Stufe, Chaos, Okeanos und Eros: Am Anfang herrscht ein grenzenloser, offener, fließender, erotischer Zustand. Seelisch und geistig entspricht dem das Urvertrauen oder das SELBST. Mit dem Begriff SELBST meine ich einen Zustand, in dem das individuelle Bewusstsein und dessen Erfahrungen einen einzigen Zusammenhang bilden, der als bedeutungsvoll und sinnhaft erfahren wird. Sinnhaft nicht im Sinne einer philosophischen Reflektion über die Wirklichkeit, sondern sinnhaft im Sinne der unmittelbaren Erfahrung von umfassender Verbundenheit und Bedeutung. In der bildenden Kunst entspricht dem die Bildform des Mandala. Dessen Zentrum symbolisiert das individuelle Bewusstsein und der Umkreis symbolisiert dessen individuelle Erfahrung des Universums. Neurologisch entspricht dem die völlige Offenheit des Netzes der Nervenzellen im Hirn. Im Mythos taucht der kosmische Okeanos übrigens später in Poseidon, dem Gotte der Meere wieder auf. Astrologische Entsprechung: Das Zeichen Fische und der Planet Neptun.

Zweite Stufe, Gäa und Uranos: Dann entstehen der schöpferische Himmel und die empfängliche Erde und deren Liebesspiel bringt die Schöpfung in Gang. Seelisch und geistig ist dies die Neuschöpfung der Wirklichkeit im Bewußtsein eines jeden Menschen. Auch hier ist das SELBST als Modus der Erfahrung noch zugänglich. Neurologisch entspricht dem die Bildung eines wachsenden Netzes von festen Verbindungen zwischen den Nervenzellen im Hirn. Astrologische Entsprechungen: Das Zeichen Stier und die Venus für Gäa, sowie das Zeichen Wassermann und der Planet Uranus für den Uranos.

Dritte Stufe, der Tod des Uranos: Die Aktivität des Schöpferischen endet. Das Schöpferische tritt in den Hintergrund, und die Schöpfung mit ihren zeitgebundenen, vergänglichen und begrenzten Formen tritt in den Vordergrund des Erlebens. Schöpfer und Schöpfung trennen sich. Seelisch und geistig entsprechen dem das Urtrauma der Aufspaltung des SELBST in Subjekt und Objekt und die Entstehung des Egos. Die Entstehung des Egos ist exakt dasselbe wie die Entstehung der Trennung von Subjekt und Objekt. Das Ego ist der Subjekt-Aspekt des SELBST, der sich als getrennt vom Objekt-Aspekt des SELBST erlebt. Neurologisch entspricht dem die Verfestigung des Netzwerks im Gehirn. Mythologisch entsprechen dem der Mord des Kronos an seinem Vater und die spätere Alleinherrschaft des Kronos. Astrologische Entsprechung: Das Zeichen Steinbock und der Planet Saturn.

Vierte Stufe, die Ausstrahlungen des Uranos: Es ergeben sich aber in diesem nun relativ begrenzten Zustand immer noch Entwicklungsmöglichkeiten: Erstens durch persönliche Integrität, durch Treue zu sich selbst, symbolisiert in den Furien oder Erinyen, zweitens durch Natürlichkeit, Lebensfreude und Wachstum, symbolisiert in den Meliai oder Eschennymphen und drittens durch Schönheit und Liebe, symbolisiert in der Göttin Aphrodite. Die geistigen und seelischen Entsprechungen liegen auf der Hand und neurologisch gesehen dürften die sieben Emanationen des Uranos wohl Alle zu einer sinnvollen Evolution des neuronalen Netzes im Gehirn beitragen. Wenn wir uns selbst treu bleiben, entwickeln und verstärken wir die neuronalen Muster, die unserer Eigenart und unserem Ursprung gemäß sind. Dem entsprechen die Erinyen. Wenn wir uns natürlich, mit Freude an unserem individuellen Wachstum entfalten, verstärken wir die neuronalen Muster, die uns mit der Schöpfung und der Natur verbinden. Dem entsprechen die Meliai. Wenn wir Liebe oder Schönheit erfahren, “sehen wir die Welt ganz anders”. Also läßt sich vermuten, dass dadurch neue Synapsen gebildet werden. Dem entspricht Aphrodite. Astrologische Entsprechung: Die Erinyen und die Meliai sind noch unklar, Aphrodite entspricht dem Zeichen Waage und dem Planeten Venus.

Alles Gute  Vinzent Liebig 

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.

  

Vinzent Liebig – Kunst und Coaching
Tel: 0761-6967248
changchub11@yahoo.de
www.vinzent-liebig.de


QUELLENNACHWEIS

*1) Zitiert aus Spiegel Spezial 4/2003 Die Entschlüsselung des Gehirns aus dem Artikel Jeden Tag ein Universum von Katja Thimm *2), *3) ebenda.

*4) Siehe den Artikel Verliebte sind mutig und sanft in der Zeitschrift Gehirn und Geist 3/2003 von Andreas Bartel und Semir Zeki